Der Stadtteil Wulsdorf

Unter den Bremerhavener Stadtteilen hat sich Wulsdorf seinen ursprünglichen dörflichen Charakter noch am ehesten bewahrt. Wulsdorf zeichnet sich auch heute noch, vor allem im gesellschaftlichen Leben und im Bewusstsein seiner Bewohner durch eine bemerkenswerte Eigenständigkeit, Geschlossenheit und Identität aus.

strassenkarte

Dies hängt, so paradox es klingen mag, damit zusammen, dass Wulsdorf schon früh in den Sog der Hafen- und Stadtbildung an der Geestemündung geriet. Ausgang dieser Entwicklung war nicht die Gründung Bremerhavens im Jahre 1827 , sondern der vom Königreich Hannover konzipierte und 1821 fertiggestellte Nothafen an der Geestemündung, für den gleichzeitig eine neue Chaussee nach Süden angelegt wurde.

Wulsdorf wurde von Anfang an in die überregionale Verkehrsentwicklung zwischen der Geestemündung, Bremen und dem hannoverschen Hinterland einbezogen, was langfristig mit erheblichen Auswirkungen für die räumliche, bauliche, wirtschaftliche und soziale Struktur des Dorfes verbunden war.

An der neuen Bremer Chaussee, die heutige Weserstraße, die in gerader Linie am westlichen Dorfrand vorbeigeführt wurde, siedelte sich mit zunehmendem Waren- und Personenverkehr zunächst ein straßenbezogenes Gewerbe an: etwa Schmiede und Fuhrleute, vor allem auch Gastwirte, die den Reisenden die Möglichkeit der Rast und des Ausspannens boten.

Und diese wiederum zogen weitere Gewerbetreibende nach sich. So kam es, dass sich der Ort zur Chaussee und zu den anderen Ausfallstraßen , etwa in Richtung Schiffdorf und nach Landwürden über die Luneschleuse hin, ausdehnte.

stadtkern wulsdorf

Verstärkt wurde dieser Prozeß, als 1851 eine zweite Chaussee von Wulsdorf nach Bremervörde/Stade über Beverstedt, die heutige Lindenallee, fertiggestellt wurde.

So wurde durch die neue Trasse ein Teil der Bebauung, vor allem im Bereich der Mörkenstraße und der Poggenbruchstraße, vom Dorf getrennt, zugleich aber auch der alte Ortskern an seinem nordöstlichen Rand im Bereich Lange Straße (heute Allerstraße) angeschnitten, so dass sich mehrere der dort befindlichen Höfe auf die neue Chaussee ausrichteten. Im Zuge dieser Entwicklung verlagerte sich das Zentrum und es veränderte sich auch der Charakter der Ortschaft.

Die typische Dorfbebauung mit reithgedeckten, an gewundenen Gassen gelegenen Bauernhäusern wurde an den Rändern zunehmend durch das giebelständige, zur geradlinigen Chaussee ausgerichtete Handwerkerhaus städtischen Ursprungs ergänzt und überlagert. Und auch die zahlreichen Gasthöfe und Ausspannwirtschaften an den Kreuzungspunkten der Verkehrswege gaben dem Ortsbild eine neue Prägung: etwa der „Vieländer Hof“, „Ohlands Gasthof“ und später der „Volksgarten“ an der Weserstraße und der „Ratskeller“ an der Lindenallee oder das Gasthaus „Zur Börse“ an der Kreuzung Weserstraße/Lindenallee.

Im Gegensatz zum Straßenverkehr kam der 1862 eröffneten Eisenbahnlinie zwischen Geestemünde und Bremen- der Geestbahn- nicht die Bedeutung zu, die sich die Wulsdorfer selbst gewünscht hätten. Die Bahn führte in weitem Bogen am Ort vorbei, und erst 1898, im Zusammenhang mit dem Bau der Strecke nach Stade, erhielt Wulsdorf einen eigenen Bahnhof, der zur räumlichen und wirtschsftlichen Entwicklung des Ortes aber relativ wenig beitrug, wenngleich Eisenbahnbedienstete die größte Berufsgruppe bildeten.

dionysius kirche

Lediglich im Norden des Gemeindegebiets, an der Grenze zu Geestendorf, bestand wegen der Nähe des Geestemünder Bahnhofs schon frühzeitig ein stärkerer Bezug zur Schiene. Dort kam es, in Verbindung mit der Entstehung von Ausflugslokalen für Bewohner der Unterweserorte, mit der Anlage von Gärtnereien und Steinmetzbetrieben für den 1871 eröffneten Bremerhavenen Friedhof sowie, um die Jahrhundertwende, mit der Ansiedlung von Industriedbetrieben, zur Bildung eines im wesentlichen auf Geestemünde und den Fischereihafen bezogen, vom alten Wulsdorfer Ortskern räumlich getrennten Arbeiterwohnvororts, der sich bis heute als Stadtteil eigenen Charakter zu erkennen gibt.

Im alten Dorfkern um die St.-Dionysius-Kirche, wo, sozusagen im Windschatten der Verkehrsentwicklung, Elemente bäuerlichen Wohnens die Veränderungen des 19. und 20. Jahrhunderts überdauert haben. Die Kirche, das älteste Gebäude der Stadt, stammt aus dem 12. Jahrhundert.

 

Dies ist ein Auszug aus dem Nordseekalender 2000. Geschrieben von Dr. Hartmut Bickelmann.